Die Antriebsmotoren unseres Handelns und auch die unseres Hundes sind Hunger, Flucht und Aggression, soweit ich Lorenz und Freud richtig verstanden habe. Jedenfalls stimmt das mit meinen vergleichenden Beobachtungen an Mensch und Hund überein. Die Evolution des Gehirns ging von innen nach außen. Die Triebfähigkeiten werden mitten in unserem Gehirn verarbeitet, und ich denke, der Hund ist deshalb das Haustier Nummer 1, weil im Laufe der Evolution des Gehirns die Mittelhirnfunktionen von Mensch und Hund sich sehr ähnlich entwickelt zu haben scheinen. Als Ergebnis dieser Entwicklung kann die Beobachtung diskutiert werden, daß im Bereich der nonverbalen Kommunikation die Verständigung so hervorragend zwischen Hund und Mensch und umgekehrt funktioniert. Wir und vor allen Dingen unser Hund verstehen so instinktiv, welche Gemütslage/Triebstimmung der andere hat, und was er will.
Der Mensch hat prinzipiell die Möglichkeit, den durch sein Mittelhirn erzeugten Trieb durch sein Großhirn zu kontrollieren und zu modifizieren, was leider nicht immer jedem gelingt, wie es sollte. Meistens sorgt das Mittelhirn schon dafür, daß unser Großhirn irgendwie hinrationalisiert, daß es zu seinem Recht kommt. Gelingt das nicht, bewirkt die ständige Vergewaltigung unseres Mittelhirns, daß wir krank werden. So futtern wir uns fett, bis das Kreislaufsystem oder die Knochen nachgeben, oder wir kriegen psychosomatische Störungen, bis Organe streiken, Allergien auftreten oder der Krebs uns kaputt macht.
Hunde kompensieren Defizite
Speziell unsere Zivilisation und die gesellschaftlichen Normen lassen wenig Raum für unsere Emotionalität und verlangen viel vernünftiges Handeln, welches oft unser Mittelhirn streßt, weil wir häufig nicht gerade mit der Natur im Einklang stehen. Zum Glück haben wir unseren Hund, der diese gesellschaftlichen Defizite im Bereich von Hunger, Liebe, Flucht und Aggression problemlos kompensieren kann, weil er auf diesen Gebieten so ähnlich funktioniert wie wir auch (dabei bietet er den entscheidenden Vorteil, daß er nicht (wider)sprechen kann).
Hunger: Wenn wir schon selber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr alles essen dürfen, dann ist es doch eine Freude, unserem Hund die Leckerbissen aufzutischen. Die Futtermittelindustrie und hier speziell ihre Werbeabteilungen haben das hervorragend begriffen.
Liebe: Zwischenmenschliche Beziehungen sind mitunter und speziell für den älteren, alleingebliebenen Menschen eine Rarität. Die Symbiose Mensch-Hund ersetzt häufig eine psycho-medizinische Therapie, zumindest prophylaktische Aspekte sind bedeutsam.
Flucht: Haben Sie auch schon einmal erlebt, wieviel Natur und Natürlichkeit ein Spaziergang mit dem Hund bietet? Ich genieße es täglich auf einem Hundespaziergang, mal ganz abzuschalten und allem zu entfliehen, bei dem ich mich anschließend durchaus wieder wohl fühle.
Aggression: Wenigstens bei unserem Hund dürfen wir doch noch Herr(chen) sein in unserer staatsbevormundeten, entmündigten Bundesbürgerrolle. Es tut jedem gut, auf der Hühnerleiter der Gesellschaft eine Sprosse unter sich zu haben, auch wenn dort nur unser Hund steht.
Diese kompensatorische Funktion hat der Hund nicht immer in dem Maße wie heute gehabt. Der Mensch nutzte die gute nonverbale Kommunikationsmöglichkeit und die enge Triebverwandtschaft mit dem Hund, um seine Leistungsfähigkeit für sein materielles Leben zu nutzen. Dabei hat sich der Gebrauchshund als Menschengefährte zu einem Kulturgut etabliert.
Die Selektion von immer leistungsfähigeren Individuen im täglichen Leben funktioniert, heutzutage müssen wir uns spezifische Prüfungsordnungen und Leistungsprüfungen meist in Form von sportlichen Wettkämpfen einfallen lassen, wenn wir das Kulturgut "Gebrauchshund" bewahren wollen.
Dazu haben sich Verbände gebildet, die je nach ihren Zielsetzungen Gebrauchshunde ausbilden, um sie in Prüfungen zu sichten, um sie der Zucht zuzuführen, um den Gebrauchshund mit den jeweils spezifischen Leistungsmerkmalen zu erhalten oder gar zu verbessern.
Auf diese ideelle Schiene (ausbilden - prüfen - selektieren - der Zucht zuführen, um zu bewahren) sollten sich so manche Verbände langsam rückbesinnen, um ihre Gebrauchshundrasse nicht zu Modetrotteln degenerieren zu lassen.
Aspekte der Gebrauchshundausbildung
Die sportliche Ausbildung des Gebrauchshundes beinhaltet mehrere positiv zu beurteilende Aspekte: Wie beschrieben, ist zum einen dadurch der Gebrauchshund mit seiner Leistungsfähigkeit zu erhalten, und damit betreiben wir durch unseren Hundesport Arterhaltung und im weiteren Sinn Arten- und Umweltschutz.
Von Vorteil ist zum anderen die sportliche Betätigung auch für den triebstarken Gebrauchshund. Er wird sich kaum Gedanken darüber machen, ob er einem Schäfer, einem Polizisten oder einem Hundesportler gehorcht. Für den Hund ist es wichtig, daß er sein Triebverhalten und seine Intelligenz ausleben kann, und das kann er im Hundesport ausgiebig. Nichts anderes beinhaltet moderner Hundesport: Der Hund lernt sein Triebverhalten erfolgreich zu kanalisieren. Damit dient der Hundesport neben der leistungsbezogenen Selektion auch der psycho-physischen Gesunderhaltung des Tieres.
Auch der Mensch profitiert neben diesen beiden Vorteilen für den Hund von der Auseinandersetzung Hund-Mensch im Hundesport. Wie beschrieben, wird unser Mittelhirn in unserer Zivilisation ganz schön gestreßt, und der Hundesport bietet eine Oase uns diesbezüglich "auszuleben". Die nonverbale Kommunikation und die Emotionalität stehen hier im Vordergrund, das schafft Sensibilitäten in diesen Bereichen, die in unserer Gesellschaft häufig verkümmern.
Zum anderen verlangt die Ausbildung eines Hundes eine gerechte Autorität seitens des Ausbilders, was meist zur Persönlichkeitsentwicklung des Hundeführers führt, der der Rolle des Lehrmeisters gerecht werden muß.
Lange Zeit war die Auseinandersetzung Mensch-Hund in der Ausbildung geprägt von einer körperlichen Auseinandersetzung bei den notwendigen Zwangsmaßnahmen. Der erste Schritt hin zu einer mehr psychologischen Ausbildung vollzog sich, als ethologische Erkenntnisse und hier besonders die Lerngesetze Einzug in die Ausbildung fanden. Damit wurde die Ausbildung tiergerechter und humaner, und auch die Erfolge wurden besser.
Elekroreizgeräte in der Hundeausbildung
Zur Zeit stehen wir wieder an einem Punkt, wo die Ausbildung weiter verbessert, tiergerechter und humaner werden kann, weil durch Elektroreizgeräte moderner Bauart weitere negative Einflüsse für den Hund vermieden werden können. Da ich die kontroversen Ansichten zu diesem Thema ausgiebig kenne, möchte ich zur Versachlichung des Themas meinen persönlichen Meinungsbildungsprozeß hier mitteilen.
Ich glaube beim alten Most hatte ich einmal gelesen, daß er davon träumte, seinem Hund auf Entfernung die "ursprüngliche Einwirkung" geben zu können. 1968 war es für mich so weit: Das Teletaktgerät kaufte ich mir von meinem in 16 Lebensjahren zusammengesparten Taschengeld, den Wunsch des Altkynologen wollte ich mir realisieren. Die Freude dauerte nicht allzulange, sehr schnell merkte ich, daß ich mein ganzes Geld verloren und meinen Hund völlig verdorben hatte!
Unwissend, wie ich damals war, dachte ich, daß der Knopfdruck meine Probleme lösen könnte, welche hauptsächlich in meinem wildernden Dobermann lagen. Ich ging also munter auf eine Rehherde zu. Hero blieb gehorsam und erwartungsvoll bei mir, bis wir so ca. 30 Meter vor dem Rehrudel waren und die ersten zu laufen begannen. Mein souveränes "Bleib!" beherzigte er, bis alle zu laufen anfingen, da lief auch er. Siegesbewußt kam mein "Hier!" und der Knopfdruck, natürlich Stufe 5. Das damalige Gerät machte drei Sekunden "ss-ssssssssss" und dann "bum". In der Zeit hatte Hero fast Höchstgeschwindigkeit, die durch ein leichtes Zucken etwas angebremst wurde. Sofort drückte ich ein zweites mal und schrie verzweifelt hinterher. Hero glaubte jetzt nur noch, daß er nicht schnell genug sei, und machte sich richtig lang. Neudeutsch würde ich sagen:"Dumm gelaufen, der technische Zwang kam leider als Aktivierungszwang rüber".
Vom E-Gerät wollte ich 10 Jahre nichts mehr wissen, bis wir drei Jahre lang mit einem sehr guten Hund nicht mehr weiter kamen, und ich aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissensstand nur noch über die damalige Tierquälerei mitleidig den Kopf schütteln kann.
Zu der Zeit gab es einen Bernhard Männel, er ist der Begründer moderner Hundeausbildung. Ihm ging es wie vielen Pionieren: Des Ersten Tod ist des Zweiten Not ist des Dritten Brot. Nachdem er Beute- und Wehrtrieb in die Hundeausbildung "eingeführt" hatte und sich über Jahrzehnte als Richter, Landesgruppenausbildungswart und Lehrer über Hundeausbildung zur Legende gemacht hatte, wurde er von den damaligen Machthabern im Verein psychisch ruiniert, weil er viel zu früh den Segen des Elektroreizgerätes erkannte und ein Mensch war, der für seine Überzeugung kämpfte. Glücklicherweise beschloß er nach seinem Herzinfarkt, lieber nicht auch noch dafür zu sterben, sondern aus dem SV zu bleiben. Als guter Freund und Schüler kämpfe ich nun in zweiter Generation 15 Jahre später den gleichen Kampf, allerdings unter besseren Vereinsstrukturen und technisch besseren E-Geräten.
Bernhard Männel klärte innerhalb von fünf Minuten ein Problem, für welches wir drei Jahre lang aus heutiger Sicht einen Hund unnötig gequält hatten...
Haltung der Verbände
Heute, 20 Jahre später, sind Elektroreizgeräte flächendeckend in der Hundeausbildung im Einsatz, aber nur wenige Insider, die schon alle Fehler und tierschutzrelevanten Praktiken hinter sich gelassen haben, genießen den eigentlichen Segen einer tierschutzgerechten, humaneren und besseren Erziehung und Ausbildung. Die meisten müssen heimlich alle Fehler und Tierquälereien selbst erleben, um durch "trial and error" zu Erkenntnissen zu kommen. Schuld an diesem Desaster sind die großen Verbände. Der VDH stellt sich erst jetzt in Bonn hin und fordert ein absolutes E-Gerät-Verbot, wie es schon immer verbandsintern bestünde, wenn es dann aber zugelassen werden sollte, dann sei man der sachkompetente Ansprechpartner! Der SV gipfelt seine zwiespältige Haltung in Vereinsausschlußverfahren gegen Bundessieger, trainiert wegen der Chancengleicheit bei dem Weltmeisterschaftsvorbereitungstraining auch mit E-Gerät, und muß sich dann vom Landgericht das sagen lassen, was jedes kleine Kind schon zu Hause bei einer guten Erziehung lernt.
Nun gibt es aber genügend Hundesportler mit Zivilcourage (das ist der Mut, die eigene Überzeugung auch zu vertreten), die den Ehrenkodex "Jeder darf es heimlich benutzen, aber keiner darf es sagen" verachten, und wissen, daß bei richtiger Anwendung die Hundeausbildung tiergerechter, humaner und besser wird. Somit ist man seinem Tier gegenüber verpflichtet, diesen Weg zu gehen. Diese E-Geräte-Befürworter verstehen Verantwortung nicht als ein sich Herauslügen aus der Problematik nach dem Motto Lindenbergs "Ich schließ mich ein auf dem Klo und höre dort Westradio", sondern sie verstehen die Verantwortung darin, in ihren Verbänden Aufklärungsarbeit zu fordern und durchzuführen, damit nicht zum Wohle des Hundes, jeder alle Fehler selber machen muß. Scheitern tun diese Bestrebungen im Wesentlichen an zwei Problemen:
Die Verbandsfunktionäre, die das Sagen haben, sind häufig keine aktiven Ausbilder mehr oder ohnehin uninteressiert an der Ausbildung. Sie diskriminieren und kriminalisieren lieber die aktuell aktiven Hundesportler, als daß sie sich schlechte Presse einfangen.
Das zweite Problem ist viel sensibler und liegt bei den Funktionären, die früher mal selbst ausgebildet haben oder es auch noch tun. Sie wissen ganz genau, daß das, was sie mit dem E-Gerät taten oder auch vielleicht noch tun Tierquälerei ist. Sie vom Segen des E-Gerätes zu überzeugen, ist ein lernpsychologisches Problem, dazu müßte man sie aus der "Vater-" in die "Kindrolle" überführen. Das ist mit jedem Laien und hier besonders mit Gebildeten unproblematisch. Die fragen von sich aus und lassen sich belehren. Mit Altkynologen ist das so eine Sache, die wissen immer schon alles! Und es ist eine altbekannte Tatsache, daß ein unvoreingenommener Zuhörer besser zu überzeugen ist als einer mit Vorurteilen.
Nun ist es zweifelsohne mit dem E-Gerät so, wie mit allen Dingen: Sie können gut und schlecht sein, je nachdem, wie sie angewendet werden . Deshalb ist die Sorge von Funktionären, daß bei falschem Gebrauch tierschutzrelevante Anwendung passieren kann, durchaus ehrenwert, aber ich kann ihre Arroganz nicht teilen, wenn sie immer wider bekräftigen, daß man dem einzelnen da unten an der Basis die Verantwortung nicht geben könne, und billigend in Kauf nehmen, daß gleichzeitig unbescholtene, verantwortungsbewußte, qualifizierte Hundeausbilder kriminalisiert werden. Sie sollten ihre Verantwortung besser in der Aufklärung als in der Verdummung suchen.
Uns kommt es doch auch ansonsten nicht ernsthaft in den Sinn, Autos zu verbieten, bloß weil damit jährlich tausende Menschen getötet werden, oder Computer zu outen, weil einige Idioten Kinderpornographie damit übertragen.
Projektgruppe aus Fachleuten
In Bonn läuft ein neuer Versuch das Tierschutzgesetz zu novellieren, die letzten Versuche sind alle den Bach runter gegangen. Eben auch bei Politikern ist das Mittelhirn dominant über das Großhirn, weil die Evolution das so gewollt hat. Krasser als beim Tierschutzgesetz offenbart sich diese Unzulänglichkeit des Menschen bei der verunglückten Steuerreform, wo Profilneurosenwichtiger als Sachzwänge waren. Diesmal aber scheint sich beim Tierschutzgesetz etwas zu tun, das auch uns angeht: Der Bundesminister Landwirtschaft und Forsten soll danach die Möglichkeit bekommen eine Hundeausbildungsverordnung zu schreiben, und die E-Geräteproblematik soll geregelt werden. Als ich erfuhr, wer in Bonn unsere Interessen vertritt, hielt ich es vor einem Jahr für opportun, eine Projektgruppe aus wirklichen Fachleuten und Praktikern zusammenzuführen, um konstruktiv fachlichen Rat einzubringen. Nach einem Besuch im Ministerium Mitte letzten Jahres konnte ich feststellen, daß eine derartige Initiative von dortiger Seite sehr begrüßt wurde. Unser Arbeitskreis gibt sich alle Mühe seinem Anspruch gerecht zu werden.
Unser erster Output war ein 10-Thesen-Papier zur E-Gerät-Problematik, das der Bestrebung des Gesetzgebers nach staatlich anerkannten Sachkundenachweis Rechnung trägt.